Gabriele Leonie Bräutigam im Interview

Eingestellt von am 25.08.2014
DSC_0521-HDR

In unserer Grünen Küche hatten wir in dieser Woche ganz besonderen Besuch: unsere herbalista Gabriele Leonie Bräutigam. Die Wildkräuter-Expertin und Autorin des Buches „Wilde Grüne Smoothies“ hat den weiten Weg aus Franken auf sich genommen, um mit ihrem geschulten Blick durchs sommerlich-grüne Berlin zu streifen.

Auch in unserem Garten in Kreuzberg hat sie vorbeigeschaut und dabei das ein oder andere verborgene Wildkraut aufgespürt. Welche Kräuter-Schätze sie in Berlin noch entdeckt hat und was ihr Leben als Wildkräuterexpertin ausmacht, erfahrt Ihr im Interview.

 

Leonie, Du kommt aus der fränkischen Idylle und lebst – wie Du selbst sagst „on the wild side“. Wie wild ist für Dich Berlin? Hast Du hier schon Wildkräuter entdeckt?

Berlin ist grün! An den unvorstellbarsten Ecken sprießen Wildpflanzen. Der Tisch ist also reich gedeckt. Überhaupt hat Berlin etwas sehr Organisches. Überall Brüche, das eine verrottet und bildet fruchtbaren Nährboden für das nächste. Ganz viele unterschiedliche Populationen leben hier miteinander, nebeneinander und von einander. Der Biologe würde von einer reichhaltigen Vielfalt des Bodenlebens schwärmen. In Berlin lebt eine wunderbare Pflanzenvielfalt: Gänseblümchen und Giersch, Franzosenkraut und Wilde Melde, Brennnesseln, Gundermann, Zaunwicken und vieles mehr.

 

Was ist Dein wichtigster Tipp, wenn man sich in der Stadt auf Wildkräuter-Suche begibt?

Der sprichwörtlich „faule Hund“ markiert am liebsten am Wegesrand: also da, wo auch alle anderen Hunde seine Markierungen erschnüffeln können. Etwa 5 Meter in die Wiese hinein könnt Ihr schon ernten. Hunde pinkeln auch nicht auf 1 Meter hohe Brennnesseln. Da muss man sich nicht fürchten. Das städtische Mikroklima – seinen wir realistisch – müssen wir auch aushalten. Und so mancher Biohof liegt in der Einflugschneise von Flughäfen.
Ich würde natürlich niemandem empfehlen, auf Straßeninseln zu ernten. Ansonsten sollten wir uns eher vor den wirklich schlimmen Dingen fürchten. Oder wie mein Freund Mike, ein promovierter Chemiker, so schön sagte: „Wenn’s stinkt, ist es meist nicht so schlimm. Die wirklich schlimmen Dinge riecht man nicht!“ Gerade in landwirtschaftlichen Regionen wird oft sehr viel gedüngt und gespritzt. So ergab eine erstaunliche Fertilitäts-Studie über Männer in New York und Iowa: die Männer in New York sind allem Stress und allen Abgasen zum Trotz fortpflanzungsfähiger als die in Iowa. Sie bewegen sich mehr und sind weniger Spritzmitteln ausgesetzt. Vieles ist also anders, als man denkt. Ich zum Beispiel bin in den letzten 10 Jahren nicht mehr so viel Fahrrad gefahren, wie in dieser Woche in Berlin. Also rauf auf’s Rad, ran ans Wilde Grün.

FB_DSC_0449-HDR_rs_rs

 

Wildkräuter sind zur Zeit Dauerthema in den Medien. Kannst Du diese Renaissance erklären?

Ja, es ist die Lust am Ursprung, das Essentielle. Das Ei, das noch alle Optionen komprimiert in sich trägt: Werde ich Huhn? Werde ich Rührei?
Wenn wir Wildpflanzen essen, sind wir unserer Natur plötzlich ganz nah. Der Kreislauf der Natur fasziniert uns – zuerst das unbändige junge Kraut – dann die Blüte – dann die Frucht, die Reife, die Ernte, die Ruhe. Und plötzlich fühlt man, dass das für den Erhalt unserer Gesellschaft notwendige, ständige Wachstum gar nicht mit diesen Naturgesetzen korreliert. Dass wir uns, lebenstechnisch in schönster Blüte, darüber beschweren, dass wir nicht mehr pubertierendes Jungkraut sind. Oder, dass das Weitergeben, was ja die Quintessenz so eines Wildkräuterjahres ist, in der Vorstellung der meisten Menschen gar nicht mehr vorkommt. Ja, auf der Wiese wird das Leben leicht. Das ist  auch das schönste an meinen Seminaren und Kräuterwanderungen, dass ich diese Erfahrung mit anderen zusammen machen kann.

Und umgekehrt: Warum waren Giersch&Co. lange nicht mehr als ein leidiges Unkraut?

Ganz einfach: Wildkräuter wachsen oft an der falschen Stelle. Sie sind subversiv und untergraben – der Giersch sogar bis zu 50 cm tief – die Ordnung in Gärten und Vorgärten. Sie sind unbeugsam und  nehmen sich unverschämte Freiheiten. Pfui!
Man kann es auch kulinarisch betrachten: Wo gibt es eine schmackhafte und interessante Wildpflanzenküche? waren, dass man zwischen „Kraut“ (also erwünscht) und „Unkraut“ ( also unerwünscht) nicht unterschieden hat. Es war einfach Platz für alle Pflanzen da: In den Alpen, in den Abruzzen, in den Karpaten. Unsere kulinarische Entwicklung hat im Moment einen Höhepunkt an Komfort erreicht: Alles kann man aufreißen, portioniert erhitzen, der Geschmack gefällig designt. Da beginnen dann Körper und Seele an Unterforderung zu leiden. Darum geht es auch in meinem nächsten Buch. Ich denke, wir brauchen als Ausgleich eine gute Portion „Natural Soulfood“.

Wie bist Du zu den Wildkräutern gekommen? Und was macht das Faszinosum dieser Pflanzen für Dich aus?

Ich habe schon mein Leben lang Wildkräuter gegessen. Meine Großmutter kannte sich sehr gut mit den wilden Kräutern aus, weil auch sie aus einem abgelegenen Bergtal stammte. Diese Geschmäcker habe ich nie vergessen. Auch wenn mein Vater immer sehr geschimpft hat, wenn sie z.B. Brennesselspinat gekocht hat. Nun – es waren die 70er, die Zeit der Käseigel und Mandarinen aus der Dose. Und für mich war es etwas „Verbotenes“. Spannend also. Gut geschmeckt hat es auch. Und als wir dann nach Oed in die Mühle gezogen sind, war diese ungezähmte Natur plötzlich mein natürlicher Lebensraum. Voller Begeisterung habe ich meine Ausbildung zur zertifizierten Kräuterführerin gemacht und darf dieses Wissen nun weitergeben. In Büchern, Workshops und Seminaren.

Hast Du eigentlich ein Lieblingskraut?

Mein Lieblingskraut ist der Giersch. Meine Freunde nennen mich scherzhaft die Gierschqueen. Das hat dem Bayerischen Fernsehen so gut gefallen, dass sie sogar einen kurzen Bericht über den Giersch gedreht haben. Ich mag den Giersch, wegen seiner unzähmbaren Vitalität. Auch an Inhaltsstoffen ist er unschlagbar: Er ist ein Eiweiß-Booster, wirkt entsäuernd, enthält viel Provitamin A, Magnesium – hört sich an wie ein teures Nahrungsergänzungsmittel, ist aber kostenlos. Nun – wo viel Licht, da viel Schatten. Gärtner hassen ihn aus eben diesem Grund.

Noch eine Frage zur Legende: Diese besagt, dass die Wildpflanzen zum Menschen wachsen um zu helfen. Stimmt das?

Dazu gibt es zwei Ansätze, die diesen Gedanken absolut plausibel erscheinen lassen. Erstens: Betrachten wir den Menschen einfach als Teil seines Biotops. Gehen wir davon aus, dass es sich hierbei um ein in sich geschlossenes, sich selbst optimierendes Ganzes handelt, darf man zurecht vermuten, dass z.B. in einem Bachklima (feucht, kühl) wie an meiner Mühle, auch die Heilpflanzen gegen entsprechende systemimmanente Nebenwirkungen (Husten, Schnupfen, Halsweh) wachsen. Und so ist es auch: reichlich Minze, Spitzwegerich und antibiotische Brunnenkresse.
Andererseits: der Mensch nimmt nur wahr, was er kennt. Das wusste schon Goethe. Was meint ihr, wie viele Menschen in meinen Seminaren entdecken, dass der gute Giersch – dieses böse „Unkraut“, in Wahrheit ein heimisches Superfood ist. 🙂 Der Schlüssel zu dieser Erkenntnis liegt im Erkennen. Darum geht es letztlich in meinen Wildkräuterführungen.

FB_DSC_0521-HDR_rs_rs

 

Kannst du uns zum Abschluss noch ein Rezept aus Deinem Buch empfehlen?

Ach, ich mag sie eigentlich alle (lacht). In meinem Buch „Wilde Grüne Smoothies“ findet ihr 50 wilde Grüne-Smoothie-Rezepte. Außerdem stelle ich 50 Wildpflanzen vor, die bei uns häufig vorkommen und roh essbar sind und erkläre ihre Wirkungen in Bezug auf Gesundheit, Schönheit und Vitalität. Mehr erfahrt Ihr auf meinem Wildkräuterblog www.herbalista.eu, wo Ihr in meiner Sprechstunde auch Eure Fragen stellen könnt.

Passend zur Giersch-Queen gibt’s das folgende Rezept:

Basis Balance

1  Handvoll Giersch
1 kleine Handvoll Brennnesseln
½ Avocado
3 große Endivienblätter
ein Stückchen Ingwer
Wasser nach Bedarf

Wer‘ s kühl mag: 1 Handvoll Crushed Ice

 

Liebe Gabi, es war so schön, dass Du uns in unserer Grünen Küche besucht hast. Wir freuen uns schon auf’s nächste Mal und auf deine Wildkräuterportraits, die du in den nächsten Wochen auf unserer Website vorstellst.

Mir hat’s auch Spaß gemacht. Auf bald, in Berlin oder Franken!

Viele Grüße

Gabriele Leonie Bräutigam – Eure Herbalista

 

Wer ist Herbalista?

Gabriele Leonie Bräutigam ist staatlich zertifizierte Kräuterführerin. Die Autorin des Buches „Wilde Grüne Smoothies“ erforscht seit Jahren die Anwendung der Wildkräuter in traditioneller Küche und Volksheilkunde in Rezepten und Rezepturen. Nach ihrem Studium der Soziologie, Germanistik und Philosophie arbeitete sie mehr als 20 Jahre als Werbetexterin, 2010 wurde sie mit dem Best-Text-Award ausgezeichnet. Ihr Wissen gibt sie begeistert in Seminaren, Kräuterwanderungen, Kochkursen, Workshops, Vorträgen und Fachpublikationen weiter.

Gabriele Bräutigam ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in der denkmalgeschützten Oedmühle zwischen Franken und der Oberpfalz bei Nürnberg. Mehr über Wildkräuter, Rezepte und Heilwirkungen findet Ihr auf Ihrer Website unter www.herbalista.eu

Passende Schlagwörter

, , , , ,
Grüne Smoothies

Grüne Smoothies

Kommentare auf Facebook

Kommentar hinzufügen

E-Mail-Adresse ist schon registriert. Bitte benutze Login form oder nenne eine andere.

Du hast einen falschen Nutzernamen oder Passwort eingegeben

Entschuldige, aber Du musst eingeloggt sein, um Kommentare zu schreiben.

Teile diesen Beitrag mit Freunden!