Paleo-Diät, Instinkto, Urzeitkost sinnvoll?

Eingestellt von am 08.11.2013
urmensch

Unter den verschiedenen Ernährungstheorien werden einige angeboten, die sich auf die Ernährungsweise unserer frühen Vorfahren beziehen. Hier wären die derzeit weltweit populäre Paleo-Ernährung zu erwähnen und im Bereich der Rohkost vor allem die Urzeitkost nach Konz und die Instinkto-Ernährung nach Burger.

So unterschiedlich diese verschiedenen Systeme auch sind, ihnen liegt eine fundamentale Ansicht zugrunde: Der Mensch hat vor Einführung des Ackerbaus durch seine Ernährungsweise eine sehr viel bessere Gesundheit erfahren, als es eine auf Getreide und anderer Kulturnahrung basierte Ernährung ermöglicht.

Die genetische Ausrichtung auf die ursprüngliche Nahrung des Menschen soll dabei der entscheidende Faktor für die Bestimmung der gesündesten Ernährungsweise sein. Der Ackerbau und die Nutzung von Getreide als Grundnahrungsmittel kommen einer Art Sündenfall gleich. Den drei erwähnten Ernährungssystemen ist gemeinsam, dass sie Getreide für die menschliche Ernährung weitgehend ablehnen.

Doch wie sinnvoll ist eine Bezugnahme auf die Ernährung der Urmenschen wirklich? Gibt es eine bestimmte Ernährungsform, auf die der Mensch überall auf der Welt seit Urzeiten genetisch angepasst ist?

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass moderne Ernährungssysteme wie Paleo, Urkost oder Instinkto in Überflussgesellschaften formuliert wurden und befolgt werden. Franz Konz, Begründer der Urkost, was Kunde bei Orkos, dem Versand für nahrhafte und leckere Früchte, Kokosnüsse und andere hochwertige Rohkost-Lebensmittel aus aller Welt. Aber der Urmensch in Deutschland hatte ganz sicher keine Möglichkeit, Durian, Mangos und Pagode-Kokosnüsse zu essen.

Auch die Instinkto-Rohköstler haben im Idealfall ihrer Ernährungsweise ein reichhaltiges Angebot an Lebensmitteln zur Verfügung, dass sie dann durch Riechen und Schmecken durchtesten, um das für die momentane Situation beste Lebensmittel für ihren Körper zu finden. Urmenschen hatten einen solchen Luxus sicher nicht allzu oft.

Der Mensch hat sich in vielen Klimazonen ausgebreitet, die alles andere als üppige Nahrungsangebote bereithielten. Ein Urmensch in Deutschland im Januar hat mit seinem Nahrungsangebot herzlich wenig mit den reichhaltigen Rohkost-Mahlzeiten der Instinktos oder Urköstler gemeinsam. Mangel ist eben auch ein Aspekt natürlichen Lebens.

Die Idee, dass die Natur immer Überfluss für alle bereithält, oder dass es in der Natur „perfekte“ Gesundheit gibt, ist eine romantische Idealisierung zivilisierter Menschen. Wild lebende Tiere verhungern gelegentlich und erfahren Zeiten des Mangels. Urmenschen waren davon sicher nicht ausgeschlossen.

Auch der Paleo-Ernährungsfan kann sich so viel Fleisch, Gemüse und Nüsse kaufen, wie er will oder es sich leisten kann. Von der mühsamen Jagd, die auch mal fehlschlägt, der Notwendigkeit, auf weniger nahrhafte Lebensmittel ausweichen zu müssen, um überleben zu können, bleibt der moderne Paleo-Anhänger unberührt …

Tatsächlich sind die meisten Anthropologen der Ansicht, dass Urmenschen alles Essbare, was ihnen zugänglich war, nutzen mussten um zu überleben.

  • Die Ernährung der Urmenschen war nicht vegan, wie die Urkost; in Mitteleuropa haben Urmenschen wahrscheinlich 20 – 30% tierische Nahrung gegessen.
  • Die Ernährung der Urmenschen hatte auch keinen hohen Früchteanteil, wie die Instinkto-Ernährung, denn reife Früchte sind in der wilden Natur sehr begehrt und es gibt um sie viel Konkurrenz. Feuer wird wahrscheinlich seit fast 800 000 Jahren zur Nahrungszubereitung genutzt, also war Ur-Ernährung schon seit langer Zeit keine reine Rohkost mehr.
  • Paleo-Ernährung besteht auf eine geringe Kohlenhydratzufuhr, aber Urmenschen haben wahrscheinlich oft stärkehaltige Knollen essen müssen, um zu überleben.

Im Übrigen gibt es heutzutage wesentliche besser gesicherte Erkenntnisse über JETZT lebende gesunde Menschen und deren Ernährungsweisen, als über den langen Zeitraum von geschätzten 2,5 Millionen Jahren, in denen Urmenschen lebten.

Fossilienfunde geben nur bruchstückhaft Aufschluss über die Ernährungsweise von Menschen, die vor hundertausenden von Jahren lebten. Dagegen sind die Erkenntnisse über heutige Bevölkerungsgruppen mit hoher Langlebigkeit und guter Gesundheit einfach nachzuprüfen.

Im Kaukasus, in den Bergen Bulgariens, auf den Kykladen, auf einigen südpazifischen Inseln und anderen Orten auf der Welt leben bis heute Menschen, die bei sehr guter Gesundheit häufig über 100 Jahre alt werden. Keines dieser Völker ernährt sich so, wie es die verschiedenen Ernährungssysteme empfehlen, die sich auf Urmenschen beziehen.

Getreide oder stärkehaltige Wurzeln sind bei diesen Völkern Grundnahrungsmittel.

Die bulgarischen Bergbewohner und die Menschen im Kaukasus ernähren sich zu 30 – 50% von rohen Milchprodukten, was in den am Urmenschen orientierten Ernährungssystemen kategorisch abgelehnt wird. Aus Sicht der Paleo-Anhänger essen diese gesunden, langlebigen Menschen zu wenig Fleisch, vergiften sich mit Getreide und belasten sich mit Milchprodukten. Die Instinktos und Urköstler würden diesen gesunden, langlebigen Menschen ebenfalls attestieren, dass mit Getreide und Milchprodukten keine gute Grundlage für Gesundheit gelegt wird.

Nun haben Paleo, Instinkto und Urkost zweifellos ihre Erfolge in Bezug auf gesundheitliche Verbesserungen. Könnte es vielleicht sein, dass diese Erfolge wenig mit einer genetischen Anpassung von Menschen, die vor Urzeiten gelebt haben, im Zusammenhang stehen und viel mehr auf Gemeinsamkeiten mit der Ernährung heutiger sehr gesund lebender Bevölkerungsgruppen zurück zu führen sind?

Die Anhänger der drei erwähnten Ernährungssysteme verzichten auf industriell verarbeitete Nahrung – ebenso finden wir in der Ernährung kaukasischer Bergbauern keine Fabrikzucker, Magarine, Konserven oder Tiefkühlpizza. Die Paleo-Ernährung betont ebenso wie die Urkost die Wichtigkeit von Bewegung und körperliche Bewegung an frischer Luft ist ein wesentliches Merkmal der Lebensweise gesunder Völker. Alle heutzutage mit guter Gesundheit und Langlebigkeit ausgestatteten Bevölkerungsgruppen verfügen über eine Qualität in ihrem Leben, die der gestresste Zivilisationsmensch mit dem Begriff der Entschleunigung bezeichnet.

Nun hat sich gezeigt, dass ein Verzicht auf Junk Food und das Essen naturbelassener Nahrung generell den Genuss an stillen Momenten des Lebens erhöht – die Sucht nach Reizüberflutung durch Handy, Internet und Co wird auch sehr stark durch überreizende, unnatürliche Nahrung stimuliert.

Der Urköstler, der jeden Tag im Freien nach Wildkräutern sucht, der Paleo-Anhänger, der wie es in seiner Gesundheitslehre vorgegeben wird, auf einen möglichst geringen Gebrauch von künstlichem Licht achtet und der südpazifische Insulaner, der jeden Tag Zeit hat, den Wellen zuzuschauen, sie alle genießen die Vorteile einer Reizdichte, die sicher gesünder ist, als der Überflutungswahnsinn des modernen Handysüchtigen.

Zusammenfassend können wir feststellen, dass es viele gesundheitliche Vorteile durch die Ernährungsweisen wie Paleo, Instinkto oder Urkost geben mag, die nicht darauf zurück zu führen sind, dass Urmenschen sich diesen Systemen entsprechend ernährt haben.

Die Differenzierung der Ursachen positiver Wirkungen kann hilfreich sein, damit nicht überzogene Ängste geschürt werden vor Lebensmitteln, auf die die meisten modernen Menschen sicher nicht auf Dauer vollständig verzichten wollen.

Im Übrigen ist es sicher sinnvoll, anzuerkennen, dass jede Ernährungsweise des modernen Menschen ein Kompromiss zwischen Natur und Zivilisation darstellt.

„Das gibt es in der Natur nicht“ ist ein beliebtes Totschlagargument gegen Ernährungsaspekte, die Anhängern einer bestimmten Ernährung suspekt sind. Wenn Veganer zu Recht darauf hinweisen, dass der Mensch als einziges Tier die Milch anderer Tier zu sich nimmt, ist die Frage, wie sinnvoll ein solches Argument wirklich ist. ALLE Menschen tun in ihrer Ernährung Dinge, die wildlebenden Tieren nicht möglich sind, der vegane Quinoa aus Peru oder das Cashewmus aus Indonesien wären für ein Tier in Mitteleuropa ebenso unerreichbar, wie die Milch eines anderen Tiers…

Die wichtigere Frage ist wohl die, ob eine menschliche Ernährungsmaßnahme für den Menschen Sinn macht und eher Vorteile als Nachteile bietet.

Manchmal wird auch gegen grüne Smoothies der Einwand hervorgebracht, dass Mixen unnatürlich ist. Stimmt – aber unsere modernen Gebisse, die durch Generationen von Zivilisation an Struktur und damit Bisskraft verloren haben, sind es auch. Mixer helfen uns, grüne Pflanzen zu assimilieren, dass Urmenschen oder Tiere keine Mixer zur Verfügung haben, ist dabei irrelevant.

Ich hoffe, diese Ideen regen dazu an, Ernährung eher pragmatisch als idealistisch zu betrachten. In der Praxis der Ernährungsberatung erleben ich es oft, dass Menschen überhöhte Ansprüche an sich verinnerlicht haben, weil sie von einem Ernährungsideal ausgehen, das gar nicht ihren eigenen körperlichen Gegebenheiten entspricht.

Ideen über gesunde Ernährung sollten dem Menschen dienen, der Mensch sollte sich nicht in der Rolle sehen, ein perfekter Anhänger eines bestimmten Systems sein zu müssen.

 

Christian

Christian

Christian Opitz fiel in seiner frühen Kindheit durch seine Hochbegabung und sein großes Interesse für Naturwissenschaft auf.

Durch eigene Gesundheitsprobleme motiviert, wandte er sich bereits im Alter von 13 Jahren einem autodidaktischen Studium der Naturheilkunde und Ernährungslehre zu. 1990 begann er, seine Entdeckungen durch Vorträge, Seminare und Publikationen zu vermitteln.

Christian ist der Begründer des ganzheitlichen Lernsystems „Lernen wie ein Genie“ und der „Befreiten Ernährung“, welche die Quintessenz seiner 27-jährigen Forschung zum Thema Ernährung darstellt.

Christian Opitz leitet international Seminare zu den Themen Gesundheit, Ernährung, ganzheitliches Lernen und Bewegung. Darüber hinaus ist er als Lehrer für Qigong und Kunlun Neigong tätig.

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9 Kommentare

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Naja wenn das Immunsystem sonst mit nichts überlastet ist kann es auch Milch und Fleisch entgiften, wenn eine ausgewogene pflanzliche Ernährung nicht erreichbar ist.Wir sind auch keine hauptsächlichen Körnerfresser, die ausreichend Phytase bilden können....der Mensch ist eben sehr anpassungsfähig wenn es sein muss.

Sich da abholen wo man steht ist immer wichtig.Eine Stoffwechselumstellung mit Entgiftung und Darmsanierung braucht oft sehr viel Zeit.

Zähne sind zum Beißen da, wenn die Parodontose (Kiefernknochenschwund)schon weit fortgeschritten ist es natürlich gut Rohkostsuppen und Smoothies zu sich zunehmen.Bei mir ist es eher ein (emotional) empfindlicher Magen und im Winter gibt es bei mir oft warme Gemüse-Suppen weil ich Rohkost noch so püriert nicht vertrage.

Die meisten Schwierigkeiten machen wohl eher die Gewohnheiten die emotionalen wie die geschmacklichen. Für mich ist Essen kein Treibstoff sondern Genuss.Ich verzichte nicht gern und hatte meine absoluten Lieblingsessen, die mir ein Gefühl des Geborgenseins und des Trostes gaben.

Ich kann nur essen was mir schmeckt.Ich habe jetzt einfach andere Lieblingsspeisen, die ich geniesse und mir in jeder Hinsicht gut tun.

Die Neigung sich einer Bewegung anzuschließen vor allem in der Ernährung und deren Regeln kompromisslos zu verfolgen noch dazu solche mit fragwürdigen Hintergrundwissen wie der Paläoernährung halte ich auch für wenig hilfreich.

Anne von GrüneSmoothies.de

Hallo Melissa,

vielen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag zum Thema und Dein persönliches Feedback. Es gibt sicher viele gute Gründe, regelmäßig Grüne Smoothies zu trinken: als gesunde Frühstücksalternative, als Refresher nach dem Sport, um sich nährstoff-, vitamin- und balaststoffreicher zu ernähren oder auch, um abzunehmen bzw. das eigene Wohlfühlgewicht dauerhaft zu behalten. Wie Du schreibst eignen sich Grüne Smoothies eben auch gut für (ältere) Menschen, die mit dem Kauen fester Konsistenzen Probleme haben. Nicht zuletzt trinken wir vom Team gerne Grüne Smoothies, weil sie einfach zuzubereiten und sehr lecker sind.

Herzliche Grüße
Anne

Nur so zur Info. Parodontose kommt in erster Linie durch zu geringe Benutzung der Zähne und des Kiefers zum Kauen, der Kieferknochen schwindet langsam (nicht das Zahnfleisch) auch schon bei jüngeren Menschen ab 25 Jahren.

Parodontitis dagegen ist die Zahnfleischentzündung.....

.... sicher... ich trinke Smoothies von Gemüse oder Obst auch ab und zu in geringen Mengen und kleinen Schlucken und mag sie gerne.Es hat jedoch eben seine Gründe, dass die Verdauung schon im Mund beginnt und unser Organismus eine langsame Nährstoffaufnahme deutlich bevorzugt.Smoothies oder auch Fruchtsäfte sind kein Getränk.

Nach meiner Erfahrung ist es wirklich wichtig ein Gefühl der Sättigung zu haben, die Nahrung also gut zu kauen und langsam aufzunehmen damit der Magen bei jeder Mahlzeit mindestens 20 Minuten "beschäftigt" ist.

Anne von GrüneSmoothies.de

Hallo Melissa,

genau, wir weisen immer wieder darauf hin, dass der Grüne Smoothie kein Durstlöscher ist. Am besten nimmt man den Smoothie in kleinen Schlucken auf oder löffelt ihn wie eine Suppe. Wichtig ist, dass er gut eingespeichelt wird. Denn nur so werden vom Körper Enzyme freigesetzt, die für eine gute Verdauung und optimale Verwertung der Nahrung sorgen.

Beste Grüße
Anne

Super alles toll beschrieben \(●_●)/ TOLL

es hat mir geffalen ich liebe es <3*-*

es ist sehr schön es hatt mir und meinen freunde spaß gemacht

"Im Übrigen ist es sicher sinnvoll, anzuerkennen, dass jede Ernährungsweise des modernen Menschen ein Kompromiss zwischen Natur und Zivilisation darstellt."

Super geschrieben! Wir ernaehren uns heute so wie wir wollen weil wir es uns leisten koennen.

"...Ernährung eher pragmatisch als idealistisch zu betrachten." So ist es! Food is no religion 🙂

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